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Fachkräftemangel im Gesundheitswesen

Alexander Riad ist nicht der einzige, der Schwierigkeiten hat, freie Stellen zu besetzen. 58 Prozent der Krankenhäuser hatten im Jahr 2013 Probleme bei der Personalsuche. Durchschnittlich dauerte es 167 Tage, ehe sie einen geeigneten Bewerber fanden. Im Pflegewesen sieht es nicht viel besser aus, mehr als ein Drittel der medizinischen Einrichtungen suchte drei Monate nach einer Krankenschwester oder einem Pfleger. Wirtschaftsexperten warnen davor, dass sich der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen noch zuspitzen könnte. Daher wird es für Krankenhäuser immer wichtiger, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren.

"Wir erwarten einen zunehmenden Mangel an Ärzten und Pflegekräften", sagt Peer Köpf, zuständig für Personalwesen und Krankenhausorganisation bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Mit Sorge blickt er auf die Zahlen, die ihm vorliegen. 2000 offene Stellen für Ärzte im vergangenen Jahr, fast 6000 für Pflegekräfte, besonders dramatisch sieht es in der Intensivpflege aus. "Die Kliniken versuchen gegen diesen Trend zu arbeiten, aber wir stehen gleich vor mehreren Herausforderungen." Einerseits gebe es weniger Nachwuchs, hinzu komme der demografischer Wandel und der steigende Bedarf an medizinischen und pflegerischen Leistungen. Die Zusammensetzung der Patienten ändere sich, in Zukunft werden Köpf zufolge die Ärzte zunehmend ältere, schwerkranke und multimorbide Patienten behandeln müssen.

Schon heute beläuft sich der Ärztemangel auf drei Prozent, viele Belegschaften ächzen bereits unter der Mehrbelastung. Ohne Gegenmaßnahmen würde die Lücke bis 2030 auf 15 Prozent steigen, prognostiziert Peter Magunia von der Unternehmensberatung Roland Berger. Er hat eine Studie zur Ärzteknappheit erarbeitet und stellte sich dabei auch die Frage, ob es tatsächlich einen Ärztemangel gibt – oder ob das bestehende System nicht effizient ausgelastet ist.

Er fand Hinweise darauf, dass beide Vermutungen stimmen: "Nachwuchskräfte müssen gefördert werden. Das fängt schon damit an, dass die Plätze für ein Medizinstudium erhöht werden sollten", sagt Magunia. Das staatliche Ausbildungssystem verspreche zwar eine gute Ausbildung, sei aber auch teuer und damit begrenzt. Im Pflegebereich sind die Kliniken flexibler, an vielen Krankenhäusern gibt es bereits eigene Schulen für Gesundheitsberufe.

Darüberhinaus müsse aber auch das bestehende System noch effizienter gestaltet werden, meint Magunia: "Die Ärzte und Pflegekräfte müssen von administrativen Tätigkeiten befreit werden, Ärzte sind heute viel zu oft Manager und haben zu wenig Zeit, um ihrer eigentlichen Berufung nachzugehen, nämlich Patienten zu versorgen." In seiner Studie schlägt er vor, nichtmedizinische Tätigkeiten zu delegieren, damit sich Ärzte und Pflegepersonal wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren können. "Patientenkoordinatoren" nennt er Kräfte, die den stationären Aufenthalt eines Patienten organisieren, sich zum Beispiel um die Patientenaufnahme, das Einlesen der Patientendaten, um Bettenwechsel oder Essensversorgung kümmern könnten. "Das kann auch jemand ohne medizinische Ausbildung erledigen", sagt Magunia. "So werden Pfleger und Krankenschwestern entlastet. Diese könnten dann von den Ärzten wiederum einfache Aufgaben wie Blutabnehmen übertragen bekommen."

Peer Köpf von der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist überzeugt, dass viele Kliniken bereits daran arbeiten, sich ihren Nachwuchs selbst auszubilden und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen verbessern, um das bisherige Personal zu entlasten. Schon jetzt würden jedes Jahr 5000 Ärzte mehr in den deutschen Krankenhäusern arbeiten, aber selbst diese hohe Zahl reiche noch nicht, um den steigenden Bedarf zu decken. "Von heute auf morgen ist das Problem allein durch verstärkte Ausbildung nicht zu lösen", sagt Köpf. "Deshalb müssen wir uns auch überlegen, mehr Fachkräfte aus dem Ausland zu beschäftigen." 25.000 ausländische Ärzte arbeiten in Deutschland, dreimal soviel wie noch vor zehn Jahren. Auch nach Pflegepersonal wird im Ausland gesucht, vor allem in Bosnien, Vietnam und den Philippinen.

"Wir müssen den Pflegeberuf wieder attraktiver machen", sagt Köpf. Zurzeit seien die Aufstiegschancen in diesem Bereich sehr begrenzt. "Da müssen wir ehrlich sein und zugeben, dass sich eine Weiterbildung finanziell nicht unbedingt lohnt. Hier besteht Handlungsbedarf! Die Gehälter müssen erhöht werden!" Mit Sorge beobachtet er allerdings den hohen Frauenanteil in medizinischen Berufen. Um die 70 Prozent betrage der inzwischen bei den Studienanfängerinnen. "Das führt später zu einer hohen Fluktuation, denn viele Frauen setzen einige Jahre für die Erziehung aus oder arbeiten danach in Teilzeit, das erfordert insgesamt mehr Personal für die gleiche Arbeit."

Alexander Riad vom DRK-Krankenhaus Teterow sieht den steigenden Frauenanteil zwar auch – nimmt ihn aber nicht als Problem wahr. "Auch männliche Ärzte wünschen sie heute mehr Zeit für die Familie." Er selbst wechselte vom Universitätsklinikum Greifswald in das Klinikum der Kleinstadt, knapp 70 Kilometer südlich von Rostock. Seine Frau arbeitet ebenfalls in Vollzeit, zusammen hat das Paar drei Kinder. Als er in Greifswald Elternzeit beantragte, wurde das an seinem alten Arbeitsplatz missbilligend aufgenommen. Familie und Beruf zu vereinbaren wurde für ihn zur Herausforderung. "Rückblickend hat mir das viel gebracht, auch für meinen Beruf als Arzt: Ich weiß jetzt, was sich Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber wünschen." Und das seien entgegen aller Theorien nicht unbedingt hohe Gehälter, Top-Positionen oder Betriebskindergärten. Oft seien es Kleinigkeiten, wie ein gemütlicher Aufenthaltsraum für Nachtschichten oder die Erlaubnis, Überstunden notieren zu dürfen. "Ich frage meine Bewerber jetzt genau das, was mich in 15 Jahren noch nie jemand gefragt hat: Wie möchten Sie arbeiten?"

Seitdem er versucht, die individuellen Bedürfnisse seiner Mitarbeiter zu erfüllen, findet er schneller Personal. Plötzlich gibt es keinen Standortnachteil mehr, obwohl Teterow keine Universitäts- oder Großstadt ist. Erst kürzlich meldete sich eine Universitätsabsolventin, die gerne bei ihm in der Kardiologie ihren Facharzt machen wollte, dafür würde sie sogar jeden Tag 60 Kilometer aus Rostock nach Teterow pendeln. Mehrere Absagen hatte sie schon bekommen, sobald sie wegen ihres zweijährigen Kindes vorsichtig nach einer Teilzeitbeschäftigung gefragt hatte. Alexander Riad sah darin kein Problem. "Das war ein minimaler Organisationsaufwand", sagt er. Der heutigen Generation der Ärzte und Pfleger sei eine hohe Lebensqualität und ein Ausgleich zur Arbeit wichtig. "Gesundheitseinrichtungen müssen endlich begreifen, dass sich die Arbeitskultur gewandelt hat", sagt er. "Ich will meine Mitarbeiter nicht verschleißen, ich will, dass sie mit ihrer Arbeit glücklich sind."

veröffentlicht in: ZEITUNG ONLINE